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Gesellschaft Region, 09.07.2010

Golddorf im Rupertigau: Die Fassade der Dorferneuerung bröckelt- das Ende der ländlichen Region?

Sie waren mit Blasmusik und Trachtenverein in Berlin, bei der Gold- Medaillenübergabe als erstes Dorf Bayerns: ,,unser Dorf soll schöner werden". Jahre später- bröckelt die Fassade.

Die geographische Lage ist traumhaft: In fünf Minuten am wärmsten See Bayerns, 20 Minuten nach Salzburg oder in die Berge. Die Rede ist von einem 3000 Seelen Ort am Fuße des Waginger Sees, im Rupertigau.

Der Heimatort des ehemaligen Bayern- Spielers Dürnberger, nahm als einer der ersten Orte an der Dorfernerung, am Wettbewerb ,,unser Dorf soll schöner werden", teil.

Mit Blasmusik und dem Trachtenverein weckten sie bei der Medaillenübergabe die bis dahin langweilige Veranstaltung in Berlin auf.
Sie hatten Gold gewonnen.
Für die Erneuerung ihres Dorfes.
Nicht nur für die Erneuerung der Fassaden und Bürgersteige, der Straßen und der Neugestaltung des Dorfkernes, sondern für die Arbeit, an den inneren Werten des Dorfes. Am Miteinander, an der Erneuerung der Dorfgemeinschaft.

Jahre später sieht es anders aus.
Die Söhne und Töchter der Ärzte und der sog. Mittelschicht sind abgewandert. Trotz Bahnanbindung fehlt eine adäquate Verbindung nach Salzburg, ein Stundentakt, Verbindungen zur goldenen Morgenstunde und spät nachts.
So zieht es die Jugend dahin, wo es Jobs gibt, in die Kleinstädte, in die Metropolen, in der Ferne.
Zu Hause werden die Elternhäuser verkauft, die Grundstücke, die großen Gärten geteilt. Das Anwesen der ehemaligen Arztvilla ist nicht mehr. Der ,,Doktavilla"- wie sie von den Einheimischen genannt wird.

Das Haus des Dorfelektrikers, der Familiensitz, steht zum Verkauf an. Die Firma ging insolvent. Nichts mehr erinnert an die blühende Zeit, als der Betrieb Großbaustellen in der großen Kreisstadt Traunstein bediente, 15 Mitarbeiter zählte.

Die größte Gaststätte des Dorfes, mit ihrem großen Saal ideal für Hochzeiten, Beerdigungen und andere Großveranstaltungen, ein Ort an dem sich die Ehepaare vergangener Generationen beim Tanz kennenlernten, wechselt Pächter um Pächter.

Die zur Gaststätte gehörende Metzgerei, machte kurz vor Allerheiligen im letzten Jahr dicht. Weder die Herstellung der eigenen Produkte, noch der Verkauf von Wurstwaren, lohnte sich mehr, für den gelernten Metzgermeister, den Sohn des Hauses.
Seine Produkte, ohne Zusatzstoffe, konnten mit der Haltbarkeit der Discounterangebote nicht mehr konkurrieren.


Viele Häuser finden sich derzeit im Internet zum Verkauf, viele überteuert. Oft sollen Scheidungen der Grund sein, aber auch Geldmangel.

Die Not hat Einzug erhalten. Not, in einem reichen Land.
Und das in einer Gegend, die sich für 3,5% Arbeitslose rühmt. Für ,,Vollbeschäftigung".

Immer mehr Menschen wohnen hier nur, arbeiten im boomenden Salzburg. Sie schwärmen von niedrigen Sozialversicherungsbeiträgen, frühem Rentenalter und einem eben noch ruhigem, wirtschaftlichen Fahrwasser, in Österreich. ,,Drent" - wie der Volksmund immer noch sagt.


Seit einiger Zeit gibt es hier einen Gebrauchtkleidermarkt. Die Räumlichkeiten stellt die Gemeinde kostenlos zur Verfügung, die Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Die Bürger spenden Kleidung und vieles mehr. Mittlerweile kommen ,,Kunden" aus dem gesamten Rupertigau, selbst das Landratsamt Berchtesgaden schickt die Bedürftigen des Nachbarlandkreises mit ,,Scheinen" zum Einkauf. Im Gegenzug, werden ,,Bedürftige" aus der hiesigen Gemeinde an der Tafel der Nachbarstadt verköstigt.

Die Menschen engagieren sich in Sozialverbänden. Mit dem VdK werden gemeindeübergreifende Treffen angedacht. Schulungen, Vorträge, z.B. zur Rente.

Nur die Jungen kommen noch nicht. Die Betonung liegt auf noch. Das Wort ,,Heizkostenzuschuss" macht die Runde. Für Rentner, für Arbeitslose. Es hat sich einiges geändert. Das besagte VdK- Treffen soll alle Ortsverbände rund um den Waginger See beinhalten. So etwas gab es früher nur bei Folkloreveranstaltungen.

Die soziale Balance scheint noch zu stimmen, noch.
Ansonsten bröckelt die Fassade des Golddorfes, nicht nur wegen dem Zahn der Zeit. Die innere Erneuerung, der Wandel, die Grenze, der Fremdenverkehr, die Einkaufszentren in Salzburg, die weiten Wege für Jobs in Mittelstand und Wirtschaft, die ,,Globalisierung", haben das Dorf verändert. Das Golddorf scheint nicht mehr das zu sein- was es einmal war.

(mw, Landkreis Mühldorf)  [Druckansicht] [Leserbrief schreiben]

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