Nachrichten aus Bayern

Politik 21.03.2008

Wer glaubt, hat mehr vom Leben

In einem programmatischen Brief zum Osterfest hat der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, die Priester und Diakone des Erzbistums und die Frauen und Männer in den Berufen der Pastoralreferenten und Gemeindereferenten aufgefordert, ,,die Zeitstunde im Licht des Evangeliums zu deuten". In dem an die Seelsorger gerichteten Brief, der ausdrücklich an die Tradition bischöflicher ,,Osterfest-Briefe" der alten Kirche anknüpft, heißt es: ,,Es kann nicht sein, dass wir nur zurückschauen und Strukturen bewahren, die nicht zukunftsfähig sind und erst recht kein Signal zum Aufbruch vermitteln."

Den gegenwärtigen nach Einschätzung des Erzbischofs ,,epochalen Wandel" sollten die Seelsorger ,,nüchtern, aber ohne Angst wahr- und annehmen". Die Kirche müsse sich entsprechend neu aufstellen. Sie bewege sich in einem neuen Kontext der persönlichen Freiheit und Wahlmöglichkeit des einzelnen. Immer weniger sei davon auszugehen, dass ganze Gesellschaften auf Dauer von einer bestimmten Kultur geprägt werden könnten. Die Differenzierung und Individualisierung der Gesellschaft sei ein Zeichen der Zeit und dürfe nicht nur negativ gedeutet werden. Die persönliche Freiheit, die Möglichkeit, seinen Lebensstil, auch seine Religion zu wählen und zu wechseln, gehöre durchaus zur Würde des Menschen und sei nicht einfach ,,etwas Abzulehnendes".

Wörtlich heißt es in dem Brief: ,,In einem solchen Umfeld kommt es darauf an, Kirche neu anziehend und einladend zu machen, so dass Menschen sich frei und auf Dauer für die Gemeinschaft des Glaubens entscheiden und in ihr einen Zugewinn an Leben entdecken, einen größeren Reichtum von Lebensmöglichkeiten, Hoffnungsressourcen und Quellen der Freude. Es muss erfahrbar werden: Wer glaubt, hat mehr vom Leben." Er habe den Eindruck, dass diese neue Herausforderung noch zu wenig gesehen werde und die kirchlichen Strukturen im überkommenen Kontext ,,scheinbar christlicher Selbstverständlichkeit der Gesellschaft" stecken blieben. Dann werde das Neue natürlich nur als Bedrohung und als eine Entwicklung zum Negativen hin gesehen. ,,So möchte ich die moderne Welt nicht sehen", erklärte Marx wörtlich.

Die moderne Welt sei auch heute ,,der Ort und die Zeit", in die Gott die Christen hineingestellt habe: ,,Wir haben in dieser Zeitstunde deutlich zu machen, dass das Leben in der Kirche, das Leben mit Christus in dieser konkreten Glaubensgemeinschaft eine großartige, ja die beste Alternative ist." Natürlich sehe er die Situation realistisch: den geringer werdenden Kirchenbesuch, schwächere Bindung an Glaubensvollzüge, Probleme der Eltern, den Glauben ihren Kindern selber vorzuleben, eine sinkende Zahl von Priestern und Ordensleuten. Gleichzeitig sei aber das Thema Religion weiterhin stärker präsent als vor einigen Jahrzehnten. Viele Menschen suchten an den Lebenswenden nach Deutung und Sinnangebot. Dabei dürfe die Stärke des Volkskirchlichen gerade auch in Bayern nicht unterschätzt werden. Marx sieht ,,durchaus positive und Mut machende Signale, die neue Chancen für die Verkündigung des Evangeliums sind".

In der gegenwärtigen missionarischen Situation, die allerdings nicht vergleichbar mit der Vergangenheit sei, müsse besonders bei Priestern, Diakonen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Überzeugung da sein, ,,dass wir vom Glauben her etwas Wichtiges, Unersetzbares, Überlebensnotwendiges zu sagen und zu bezeugen haben". Kirche sei kein Selbstzweck, sondern Werkzeug des Heiligen Geistes, damit viele Menschen durch Christus zu Gott fänden. Um diesen Auftrag neu anzunehmen, müsse gründlich Bilanz gezogen, müssten Ziele gemeinsam formuliert, Ressourcen gebündelt, Synergien ermöglicht und Vernetzungen hergestellt werden: ,,Wichtig ist auch, dass wir unsere Ziele gemeinsam verfolgen und nicht gegeneinander stehen." Das Volk Gottes müsse vom Schatz des Glaubens her neu gesammelt und so befähigt werden, ,,in dieser epochal neuen Situation Menschen neu für das Evangelium und den Glauben an Christus zu gewinnen". (wr)

(re)