Nachrichten aus Bayern
Politik 19.07.2010
Klares Signal für differenziertes Schulwesen - Hamburg stimmt gegen Einheitsschule
MÜNCHEN. Als "klares Signal für individuelle Förderung in einem
differenzierten Schulwesen" wertet Bayerns Kultusminister Dr. Ludwig
Spaenle das Ergebnis des Volksentscheids in Hamburg. "Die Bürgerinnen und
Bürger haben hier der Einheitsschule ein klares Nein entgegengesetzt. Sie
haben sich aber zugleich für mehr individuelle Förderung in einem
mehrgliedrigen Schulwesen ausgesprochen", so Minister Spaenle, der in
diesem Jahr auch als Präsident der Kultusministerkonferenz amtiert. "Das
Hamburger Ergebnis ist eine gute Nachricht für die Schülerinnen und
Schüler, da ein differenziertes Schulwesen die Kinder und Jugendlichen mit
ihren Talenten und Begabungen besser fördern kann", führte der Minister
aus. Entscheidend sei, dass die Durchlässigkeit hoch ausgeprägt sei. Dies
habe auch der Ländervergleich bewiesen, bei dem das Institut zur
Qualitätsentwicklung im Bildungswesen die Kompetenzen von Schülerinnen und
Schülern der Jahrgangsstufe 9 in allen Ländern untersucht hat. Bei diesem
hatten Schülerinnen und Schüler aus Ländern mit einem differenzierten
Schulwesen wie Bayern und Baden-Württemberg am besten abgeschnitten.
Der Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bayerischen Landtag, Hans-Ulrich Pfaffmann, hält den Triumph von Kultusminister Spaenle über das Nein für die sechsjährige Primarschule in Hamburg für unangemessen. Pfaffmann: ,,Es besteht für Spaenle überhaupt kein Anlass, in Jubel auszubrechen. Es wird völlig ausgeblendet, dass es in Hamburg einen breiten Konsens für ein zweigliedriges Schulsystem gibt, außerdem einen Rechtsanspruch auf kleine Klassen und die individuelle Förderung hat einen deutlich höheren Stellenwert als in Bayern. In diesen Teilbereichen wären wir recht froh, wenn wir in Bayern so weit wären", erklärt Pfaffmann, der darauf hinweist, dass die Bildungsungerechtigkeit in Bayern besonders groß ist. ,,Der bayerische Bildungsbereicht zeigt hier einen enormen Handlungsbedarf auf", so der SPD-Bildungsexperte.
Nach dem Bildungs-Volksentscheid in Hamburg haben die Landtagsgrünen vor einem Stillstand in der Schulpolitik gewarnt: ,,Es wäre völlig fatal, jetzt die Scheuklappen aufzusetzen und das Hamburger Votum als Vorwand zu nehmen, an unseren Schulen einfach alles beim Alten zu belassen", sagte die Fraktionsvorsitzende Margarete Bause. Auch das bayerische Kultusministerium könne nicht leugnen, dass das bestehende Schulsystem zu wenig Raum für individuelle Förderung biete und damit viel zu viele Kinder mit ihren Fähigkeiten und Talenten auf der Strecke blieben. ,,Die frühe Auslese benachteiligt insbesondere Kinder aus bildungsfernen Familien. Das ist eine soziale Hypothek, auf die die Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems noch immer eine Antwort schuldig sind." Wie sehr das bestehende Schulsystem mittlerweile an seine Grenzen stoße, zeigten auch die Anmeldezahlen für die einzelnen Schularten: ,,Auch in Bayern wollen immer weniger Eltern ihre Kinder auf die Hauptschule schicken - diese Abstimmung mit den Füßen macht offenkundig, dass das dreigliedrige Schulsystem längst in eine eklatante Schieflage geraten ist."
Deshalb dürfe nun nach dem Volksentscheid in Hamburg nicht einfach eine Käseglocke über die bestehenden Strukturen gestülpt werden: ,,Es geht hier nicht um ideologische Rechthaberei, sondern um die Lösung ganz realer Probleme, auf die unser bestehendes Bildungssystem keine Antworten mehr findet", sagte Margarete Bause. Die Grünen sind nach wie vor davon überzeugt, dass eine längere gemeinsame Schulzeit mit einer verstärkten individuellen Förderung mehr Chancengerechtigkeit für alle Kinder herstellen kann. ,,Die Menschen haben zunehmend Angst um die Zukunft ihrer Kinder - deshalb wird es künftig um so mehr darum gehen, Eltern, Lehrkräfte und Schüler mit diesen Ängsten ernst zu nehmen und sie intensiv einzubeziehen. Der Volksentscheid in Hamburg war ein Beleg für diese Ängste und hat gezeigt, dass bildungspolitische Reformen von unten wachsen müssen. Deshalb setzen wir weiterhin darauf, möglichst viel Entscheidungsfreiheit an die Schulen vor Ort zu verlagern."
Bayerns Schulen brauchen nach Ansicht der bildungspolitischen Sprecherin der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag, Renate Will, MdL (Baldham) ,,eine Qualitätsoffensive und ganz sicher keine Strukturdebatte." Entscheidend für die qualitätsorientierte Weiterentwicklung im Schulwesen sei nach Meinung der Liberalen die Einbeziehung der gesamten Schulfamilie. ,,Wir dürfen Reformen nicht von oben verordnen, ansonsten sind sie zum Scheitern verurteilt, wie wir in Hamburg gesehen haben."
,,In Bayern sind wir bereits auf dem richtigen Weg zu mehr Chancengerechtigkeit", sagte Renate Will. Mit dem Modellversuch der flexiblen Grundschule könne jedes Kind sein individuelles Lerntempo selbst finden. Dieser Modellversuch müsse möglichst schnell flächendeckend angeboten werden. Durch das neue Übertrittsverfahren sei der Leistungsdruck in der vierten Klasse deutlich gesunken. Weiterhin biete die sogenannte Gelenkklasse eine zweite Chance für den aufsteigenden Übertritt an eine Realschule oder ein Gymnasium. ,,Im Mittelpunkt aller Überlegungen über die Zukunft der Schule muss es in erster Linie immer vorrangig um Qualität gehen", so Will abschließend.